Christian Hartmann: Hattingen-Historisch


Aus der Geschichte der Hattg. Stadtjagd (1495)

Die Stadt Hattingen hat schon früh ein eigenes Jagdrecht erhalten. Durch allerhöchstes Privilegium des Grafen von der Mark vom Jahre 1495 war es den Bürgern erlaubt, innerhalb der Stadtfeldmark und der städtischen Waldungen Wild jeglicher Art zu jagen. Die Hattinger Bürger haben dieses Recht peinlichst gehütet und es allen Angriffen adeliger Herren gegenüber im Laufe der Jahrhunderte mit Erfolg verteidigt.

Nicht ohne Grund war die Verleihung der Jagdgerechtigkeit durch den Landesherrn erfolgt. Sie sollte dazu dienen, den Wehrgedanken und die Wehrtüchtigkeit bei den Bürgern zu erhaltet und zu fördern. Mit dem Recht, ihr Gemeinwesen durch Wall und Graben zu befestigen, war ihnen auch die Pflicht zuteil geworden, diese mit den Waffen in der Hand in Kriegszeiten gegen die andrängenden Feinde zu verteidigen. In der Gemeinschaft der Schützengilde wurden die Bürger im Gebrauch und in der Pflege der Waffen gründlich unterwiesen, und diese Einrichtung war auch mit der Ausübung des Jagdrechtes eng verbunden. Einmal im Jahr, gewöhnlich Mitte September, bezog die Schützengilde die Stadtjagd. Das war ein allgemeiner Festtag, an dem sich alle Bürger beteiligten, denn alle wehrfähigen Bürger waren Mitglieder der Schützengilde. Unter der Führung der Gildemeister, der Bürgermeister und Ratmannen zogen die wehrfähigen Männer der Stadt hinaus in die Feldmark und die Gehölze, und dann begann ein fröhliches Jagen, das neben der Freude am Weidwerk insbesondere Gelegenheit zum Übungsschießen auf lebende Ziele bieten sollte. In der älteren Zeit benutzte man noch Armbrüste, später kamen dann Feuerrohre in Gebrauch. An diesem Tage erfolgte auch die Aufnahme der jungen Bürgersöhne in die Gilde, die dann gleich Zeugnis ablegen konnten von ihrem Können und ihrer Ein­satzfreudigkeit. Die Aufnahmegebühren dienten zur Deckung der allgemeinen Unkosten des Jagdtages. Bei dieser Gelegenheit überprüften die Bürgermeister und Rat der Stadt auch jedesmal die Grenzen der städtischen Besitzungen. Gewiß ein wichtiger Akt in einer Zeit, da die Grenzverhältnisse noch nicht so klar geregelt waren wie in unseren Tagen.

Im Laufe der Jahre machten sich bei der Ausübung der Stadtjagd immer häufiger Mißstände mancher Art bemerkbar. Schon zur Regierungszeit des Großen Kurfürsten wird in zahlreichen Berichten und Ver­ordnungen über den Mißbrauch der Jagd durch die Bürger verschiedener Städte in der Mark Klage geführt. Am 20. Oktober 1707 erschien dann ein Dekret des Königs von Preußen, das die Ausübung des Jagdrechts durch die Bürger im allgemeinen regelte. Danach sollten auch für Hattingen die Übelstände, die sich auf dem Gebiete des Jagdrechtes eingeschlichen hatten, gründlich beseitigt werden. Künftig wurde allen sogenannten Lediggängern, d. h. Personen, die nicht in der Stadt ansässig waren und das ganze Jahr hindurch in der Feldmark ihr Unwesen trieben, bei hohen Strafen die Ausübung der Jagd verboten.

Der Wildbestand war durch diese rücksichtslose Wilderei mit Feuerrohren, Schlingen und Hunden bis auf ein Mindestmaß zurückgegangen. Besonders der Bestand an Kleinwild wie Hasen, Birk- und Rebhühnern hatte sehr gelitten. Erstmalig wurde nun eine gesetzlich geregelte Schonzeit eingeführt. Danach durften die genannten Wildarten in der Zeit vom 19. März bis zum 24. August nicht abgeschossen werden. Übertritte wurden streng bestraft. Für Schnepfen war dagegen das ganze Jahr hindurch die Jagd geöffnet und Wildenten wurden nur bis Ende Juni geschont. Auf diese Weise hoffte man den Wildbestand zu heben und die Lieferungen für die fürstliche Tafel bei Bedarf zu erhöhen. Der wichtigste Punkt dieser Verordnung des Landesherrn bestimmte aber, daß die Städte der Mark erstmalig einen Jäger und Aufseher für ihren Jagdbezirk einstellen mußten.

In Hattingen wurde als erster Stadtjäger durch Magistratsbeschluß vom 25. Januar 1708 der Bürger Jo­hann Rudolf Alvermann ernannt. Am 18. August des gleichen Jahres erfolgte die feierliche Amtseinführung durch Handschlag und Eid. Danach hatte der Stadtjäger die Gerechtsame, die Hattingen durch das Privilegium des Jahres 1495 verliehen worden waren, genauestens zu beachten, alle Personen, die sich dagegen vergingen, sofort anzuzeigen und die Gehölze des Schulenbergs, Hohensteins und der Landwehren oftmals zu besichtigen und allen Schaden abzuwehren. Bei diesem feierlichen Akt waren zugegen: Consul Busbaum, die Senatoren Dr. Kielman, Böving, Schumacher, Wiesmann, zur Nedden und die Mitglieder des Gemeinheitsvorstandes Sintermann, Trapmann, Hüser, Mergenborn, vor der Burg, Storm und Feilcken. Als jährliches Entgeld für den gewiß als Nebenamt geführten Dienst erhielt der Jäger einen grünen Rock, dazu vier Reichstaler und den dritten Teil aller einkommenden Strafen zugebilligt. Als Zeichen seiner Würde trug er das städtische Jagdhorn, das ihm bei dieser Gelegenheit durch die Hand des Bürgermeisters überreicht wurde.

Wie der neue Stadtjäger sein Amt geführt hat, geht aus den vorliegenden Akten nicht hervor. Wohl ist daraus ersichtlich, daß eine ganze Anzahl von Personen mit der Neuordnung nicht einverstanden war und weiterhin versuchte, durch Ausübung der wilden Jagd die ergangenen Verordnungen zu umgehen. Im April des Jahres 1709 erschien darauf erneut eine scharfe Verordnung des Königs, die allen Bürgern, vor allem aber den ledigen Burschen das Jagen mit Flinten, Büchsen oder Hunden in der Stadtfeldmark bei hohen Strafen verbot. Diese Einschränkung ihres Jagdprivilegiums nahmen die Bürger Hattingens aber nicht ohne weiteres hin. In zahlreichen Eingaben und Klagen an den Landesherrn haben sie sich in den folgenden Jahren gegen die Beschneidung ihrer Rechte zu wehren versucht. Davon wird später noch einmal die Rede sein.