Christian Hartmann: Hattingen-Historisch


Bierbrauen damals in Hattingen (1473)

Die kleine Stadt Hattingen des Mittelalters hatte für die Landesherren, die Grafen von der Mark, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung als Grenzfeste nach Westen gegen Berg und Kurköln. Aus diesem Grunde waren sie ständig bemüht, den Wehrcharakter des Ortes auszubauen und seinen Bewohnern zahl­reiche Privilegien zu verleihen, die Einnahmequellen erschlossen, aber auch das innerstädtische Leben grundlegend beeinflußten. Unter diesen wirkte sich neben dem Recht des Weinzapfs aus dem Jahre 1400 auch das der Erhebung einer Bierakzise von 1473 für die Sicherung der Einnahmen des Ortes recht.

Danach durften von jedem Faß Bier, es wäre groß oder klein, 3 kölnische Mark als Abgabe erhoben werden, sofern es aus der Stadt hinausgeführt wurde. Im Hinblick auf die häufige Erwähnung des Mittsommerbiers als Hofesleistungen auf dem platten Lande muß die Ausfuhr des beliebten Getränks für die Stadt eine wesentliche Einnahme ergeben haben, wenn auch ein Teil der Akzise an die Kasse des Landesherrn abgeführt werden mußte. Je nach den wirtschaftlichen Verhältnissen wurde dieser von höchster Stelle erhöht oder erniedrigt.

Schon früh war das Bierbrauen in der Stadt Hattingen bekannt. Man stellte das beliebte Süßbier her, das meist aus Weizen gewonnen wurde, aber auch die Vergärung von Braumalz aus Gerste war bekannt. Das gewonnene Getränk nannte man Keut, und die Bezeichnung des Keutenbrauers als Familienname ist aus mancher Urkunde nachzuweisen, Zum Würzen benutzte man neben Hopfen, der in den Gärten der Bürger angepflanzt wurde, Gruet oder Porst, und das mehrfach erwähnte "Gruethues" der Familie Krämer am Markt diente zum Lagern dieses wichtigen Materials.

Jede Familie braute ihr Bier ursprünglich selbst und entlieh zu diesem Zweck die vom Rat der Stadt in Verwahrung gehaltenen Braukessel für eine festgelegte Gebühr. Das Eichen der Kessel oblag den "Kur genoeten", Männern, die nach altem Recht von dem Schultheißen des Hofes Hattingen benannt wur­den. Nach einer Urkunde des Jahres 1621 gab es in der Stadt vier kupferne Kessel mit eisernen Dreifußen, auf denen sie ruhten. Ihre Gewichts- und Inhaltsmaße betrugen 224 Pfund und 5,5 Ohm, 271 Quart, (1 Ohm= 137,40 Liter, 1 Quart =1,145 Liter, preußisch), 221 Pfund und 6 Ohm 14 Quart, 201 Pfd. und 5,5 Ohm, 37 Quart und 204 Pfund und 6 Ohm, 12 Quart. Die eisernen Dreifüße wogen 106 Pfund, 108 Pfund, 113 Pfund und 114 Pfund. Das eingenommene Kesselgeld erschien jährlich als wichtiger Posten im städtischen Etat.

Zu allen Zeiten war der Genuß des in der Stadt gebrauten Biers bei allen Bürgern recht beliebt. Bei Familienfeiern und öffentlichen Veranstaltungen galt es als Volksgetränk. Die vornehmste Gilde der Stadt, die der Krämer und Bäcker, von der noch Rechnungsbücher vom Jahre 1625 an vorliegen, hatte es zum ausschließlichen Verzehr bei allen Zusammenkünften gewählt. Auch bei Vergehen gegen die Gildeartikel wurde die Lieferung von Bier als Buße in manchen Fällen verhängt. Wer die Rechte der Gilde in Anspruch nahm, ohne ordentliches Mitglied zu sein, mußte dieses Vergehen mit einem Ohm Bier ahnden ähnlich wurde auch bei Pfandverschleppung verfahren.

Die großen Mengen dieses Getränks, die allein von der genannten Gilde benötigt wurden, sind aus den Abrechnungen über den Pflichttag zu ersehen, der jährlich am Donnerstag nach Pfingsten abgehalten wurde. Da ist im Jahre 1631 für den Zech am Gildetag für Bier allein die Summe von 98 Gulden 20 Albus verzeichnet und für das Jahr 1637 sogar 117 Gulden. Nimmt man den Preis von 3 Albus für 1 Quart an, dann würde das für das Jahr 1631 die Menge von etwa 985 l und für das Jahr 1637 sogar 1072 l ergeben.

Der seit alters geübte Brauch, vor dem Pflichttag im Hause des Gildemeisters durch den Vorstand das Bier prüfen zu lassen, wuchs sich in wirtschaftlich guten Zeiten, die nicht durch Krieg und Seuchen gekennzeichnet waren, oft zu einem Laster aus, indem große Gelage veranstaltet wurden, sehr zum Nachteil der einzelnen Mitglieder und der gesamten Bevölkerung. Im Jahre 1616 verbot der Rat der Stadt das Bierbrauen am Sonntag und auch die Veranstaltung von Zechgelagen.

Der im Mittelalter weit verbreitete Hexenglaube wirkte sich in Hattingen auch einige Male auf die Herstellung von Keut aus. So ist im Ratsprotokollbuch aus den Jahren 1629 bis 1652 eine besondere Verhandlung verzeichnet, nach der eine Bürgerin der Hexerei mit Bier beschuldigt wurde. Nach der Anklage sollte sie derart dünnes Bier hergestellt haben unter Benutzung geheimer Zauberformeln, daß man ihr Getränk hätte über ein Hausdach ziehen können. Hier handelte es sich allerings wohl nur um eine Art Panscherei.

Die beachtliche Einnahme, die das Bierbrauen in der Stadt für den Stadtsäckel durch Kesselgeld und Akzise erbrachte, verringerte sich mit den Ausgang des Mittelalters immer mehr. Die Kesselgeldver­pachtungen wurden schließlich ganz eingestellt, da sich infolge der Beschaffung eigener Braukessel durch die Bürger keine Pächter mehr fanden.

Heute sind alle Spuren des einst so bedeutungsvollen Gewerbes in der Ruhrstadt längst verwischt und nur noch einzelne Aufzeichnungen in den Archiven der Stadt zeugen noch von der Bedeutung des Hattinger Keuts in alter Zeit.