Christian Hartmann: Hattingen-Historisch


Die Geschichte der Heggerstrasse

Instandsetzungen und Verbesserungen sind notwendig, wenn das Leben nicht stllle stehen soll, auch an einer Straße. Und das war zu allen Zeiten so, die Geschichte beweist es zur Genüge. Anläßlich der augenblicklichen großen Bauarbeiten an der Heggerstrasse mögen einige Angaben aus alten Berichten ihre Geschichte um einiges erhellen.

Da ist zunächst die Frage nach ihrem Namen, der zurückweist in die Anfänge unserer Stadtgeschichte überhaupt. Eggen, Hekken, Heggen oder Hiegen waren in vor- und frühgeschichtlicher Zeit Plätze, die wegen ihrer natürlichen Lage auf einer Höhe Schutz in Notzeiten boten und darum für diesen Zweck besonders ausgebaut wurden. Der älteste Name unserer Stadt -Hattneggen- erinnert noch daran.

Ein derart geschützter Platz mag in alten Zeiten auch auf der Anhöhe an der jetzigen Horst oberhalb der Emsche gelegen haben, und den Siedlerplatz in seiner Nähe nannte man "op der Hegge". Diese Bezeichnung des Hofes, der früher hier gelegen hat, finden wir dann auch in den ältesten schriftlichen Aufzeichnungen. Im Jahre 1427 wird ein Hinrich op der Heggen in der Stadt genannt. Herkunft des Straßennamens.

Der Pfarrer Herman Märker berichtet in seiner bekannten Chronik: "Die Heggepforte hat den namen vom Hegger gude, negst an dieser pfortten gelegen; und ist zu wißen, daß das Hegger gut olim (vorher, ehedem, früher) ist gewesen, da jetzt Hegeman, Cloßes hauß, Pfankuchen scheune und Cordt Pfankuchen heuser stehen, dan Johan Cloß von Bürich und Ida Engenhuiß, eheleutte, ir hauß ufr Heggen von Johan Reinckens uf der Hegge gekauft; anno 1431".

Nach den mündlichen Überlieferungen, die der Pastor Märker in den zwanziger Jahren des 17. Jhs. niederschrieb, war der Hofplatz "op der Heggen" im Zuge der Besiedlung des Raumes innerhalb des Zingelgrabens bereits parzelliert worden. Davon berichtet auch schon der Chronist Henricus Naelman in seinem Häuserverzeichnis aus dem Jahre 1549. Es heißt da auf dem 23. Blatt seiner Chronik: "Henrich Hueser und Griete, siin huysfrouwe, syn behandet oer beyde levenlanck myt dem hueß unnd hceff upter Heggen, itzont Huesers hueß genoempt, unnd geven dar van jarlix ther pacht 18 Croner albus. Item in dat vurschrieven hueß gehoert Dyrick Viisschers unnd Tasschen hueser, unnd ist ein gewyn". Nach dieser Überlieferung gehörte das Heggergut als Behandigungsgut zum Hause Clyff.

In der Nähe dieses alten Siedlerplatzes entstand bei der Befestigung der Stadt am Wege in die Feldmark ein Tor, das im Zuge des Ausbaues der ursprünglichen Wallanlage in den Jahren 1586/90 und der An­lage einer festen Ringmauer mit Wehrgang und Zinnenkranz mit Türmen versehen wurde, ein Einlaß in das Stadtinnere, den man nach dem anliegenden Hofe das Heggertor nannte. Alte Hattinger Bürger bezeichneten den Platz, an dem ehemals dieses Tor gestanden hat, noch in unserer Zeit "An der Heggerpoete".

Schon Naelman umreißt in seinen Niederschriften den gesamten Häuserbezirk der oberen Altstadt als "Heggergeschicht", also Hegger Bezirk, und im 17. Jh. wird der Straßenteil vom Obermarkt bis zum genannten Tor zeitweilig als "Heggerstroete" bezeichnet. Häufiger liest man jedoch "vor der Heggerpoete" oder "am Heggertor". Diese Namen bezogen sich immer nur auf Bezirke innerhalb der früheren Altstadt, während das weite Gebiet der Stadtfeldmark außerhalb des Heggertores vom Nocken bis zum Rosenberg und bis zum linken Ufer des heutigen Sprockhöveler Baches als "Heggerfeld" bezeichnet wurde. Dieser Bereich der Feldmark war sehr fruchtbar und wurde größtenteils als Gärten und Äcker vom Hattinger Bürger genutzt, während die Feldmark im Westen vor dem Bruch- und Weiltor meist Wiesen und Weidekämpe aufwies.

Die Länge der heutigen Heggerstraße reichte damals nur zu einem kleinen Teil in das Stadtgebiet hinein, der größte Teil führt heute durch die frühere Stadtfeldmark, das Heggerfeld, und zwar etwa von der Einmündung der Augustastraße bis zu den Abzweigungen Blankensteiner Straße - Welperstraße'Hüttenstraße. Sie wurde auch bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts immer als "Weg nach Blankenstein" bezeichnet.

Wie sah nun ehemals dieser Teil der Heggerstraße aus? In der Hattinger Landveste, einer im Mitteialter für das platte Land geltende Sammlung von Rechtsvorschriften, die bis zur Einführung des "Allgemeinen Landrechts 1794" wirksam blieb, heißt es in Bezug auf die benutzbaren Wege und ihre Instandhaltung:

Danach gab es außerhalb des durch Mauern fest umrissenen Stadtgebietes in der Feldmark verschiedene Wege: Königsstraßen (Landstraßen, Fernstraßen), Nothwege, auch Kirchwege (Wege innerhalb eines Kirchspiels, Brautwege, Leichenwege), Treibwege, Mistwege, (Feldwege) und Fußwege. Die Straße aus dem Heggertor nach Blankenstein war ursprünglich wohl eine Königsstraße, denn es wurden noch im 18. Jh. von der preußischen Verwaltung des Öfteren Anweisungen an den Magistrat in Hattingen gegeben, diesen Weg in guten Stand zu setzten, da Märsche einzelner Truppenabteilungen zu erwarten seien. So forderte der Kommunalempfänger Leveringhaus den Magistrat am 26. Januar 1795 auf, den Weg nach Blankenstein vom Heggertor bis "Schmied in der Becke" (Ludwigstal) instand setzen zu lassen, um den Durchzug einer Marschkolonne zu ermöglichen.

Die sogenannten Notwege sind im Hattinger Land als Kirchwege heute noch bekannt. Sie führten ehe­mals aus den einzelnen Bauerschaften, die zum Kirchspiel Hattingen gehörten, nach der Kirche und dem Kirchhof in der Stadt und wurden beim Kirchgang, bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen genauestens eingehalten.

Der Kirchweg aus der Bauerschaft Welper führte seit undenklichen Zeiten über den Schewenkamp, durch die Brucher Delle am Sprockhöveler Bach in das Heggerfeld, dann über die heutige Welperstraße und mündete mit dem Weg nach Blankenstein am Heggertor in das Stadtgebiet. Feldwege kamen recht häu­fig in der Feldmark vor, mußte doch jeder Bürger sein Grundstück draußen vor dem Tore erreichen kön­nen. Diese und auch die in der Landveste genannten Fußwege sind in den letzten hundert Jahren längst bis auf wenige Reste verschwunden. Von den schmalen Heckenwegen, die bestenfalls mit einer Schiebekarre befahren werden konnten, sind im Heggerfeld nur noch "Schreys-Gasse" und der Verbindungsweg Schulstraße zur Talstraße oberhalb des Sportzentrums erhalten geblieben.

Die Instandhaltung aller in der Landveste genannten Wege oblag den Besitzern der anliegenden Grund­stücke, also den Eingesessenen der ländlichen Siedlungen und den Bürgern der Stadt. Daß diese nicht immer den an die Wege gestellten Anforderungen entsprach, war nur zu natürlich, da Stadtsäckel und Bürgerkassen mit anderen Ausgaben stets stark belastet waren.

Zwar war den Hattinger Bürgern durch Privileg des Landesherrn bereits im Jahre 1407 das Recht verlie­hen worden, Wegegeld zu erheben, aber das galt eben nur für die Straßen im Stadtbezirk, und auch hier reichten die Einnahmen nicht aus. Ein ordentliches Straßenpflaster konnte erst in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts angelegt werden. Die alte Gerechtsame - die Erhebung eines Pfla­stergeldes - wurde am 2. April 1851 erst ganz aufgehoben.

Als die Stadt am Anfang des 19. Jahrhunderts in die Feldmark hinauswuchs, wurde auch die Straße nach Blankenstein bebaut. Der erste Bürger, dem die Erlaubnis erteilt wurde, am Heggertor über den alten Graben hinaus ein Haus zu errichten, war der Tuchmacher Friedrich Nehring. Und dann folgten bald andere, bis um die Jahrhundertwende die Häuserzeilen zu beiden Seiten der Straße fast restlos erstellt waren. Zunächst wurden die einzelnen Bauten im einfachen Stil ausgeführt, aber als im Jahre 1874 der Ökonom Gruthoff aus Welper unmittelbar am alten Heggertor einen "Prachtbau" errichten ließ - jetzt Haus Nr. 8 - entstanden auch reichverzierte Fassaden. Das letzte Haus an dieser Straße - A. Lohmann -wurde 1868 errichtet.

Ein erster gründlicher Ausbau des alten Weges nach Blankenstein durch das Heggerfeld erfolgte 1819/20. Damals begann man mit der Anlage einer festen Fahrbahn und ordnungsmäßiger Wassergräben auf der Strecke im Schierholz an der Stadtgrenze bis zum Beginn der heutigen Schulstraße. Der Ausbau der restlichen Strecke bis zum Heggertor machte zunächst Schwierigkeiten.

Weitblickende Bürger, so vor allem der Stadt- und Landrichter Rautert, traten für eine Begradigung des Weges in Richtung Blankenstein Gäßchen (Schreys-Gasse) ein, und auch die Bürger, die ihr Land fast unentgeltlich hergeben sollten, waren einverstanden, aber die übrigen Kosten erwiesen sich mit über 250 Reichstalern zu hoch, so daß die Genehmigung des Landrats ausblieb. Zudem hatte auch der einflußreiche Ökonom Stens, der am höchsten Punkt der heutigen Blankensteiner Straße eine Windmühle unterhielt, seine Bereitwilligkeit zur Abgabe eines beträchtlichen Ackerstreifens davon abhängig ge­macht, daß der Weg nach seiner Mühle erhalten blieb. Es kam dann zum Ausbau der Wege im Hegger­feld, deren Linienführung aus alten Zeiten übernommen wurde und bis heute geblieben ist.

Für die Arbeiten wurden nach den bereits genannten alten Bestimmungen die Bürger herangezogen. Wer nicht selbst an dem für ihn festgesetzten Wochentage erscheinen wollte oder konnte, zahlte als Hausbesitzer 3 Stüber und als Mieter eineinhalb Stüber in die Baukasse. Niemand wurde ausgenommen, auch nicht die Honoratioren der Stadt.

Bereits im Mittelalter hatten für die Straßen und Plätze der Altstadt gewisse Vorschriften bestanden, aber als immer mehr Bürger Häuser und Werkstätten an den Wegen in der Stadtfeldmark errichteten, war auch eine erweiterte Straßenordnung erforderlich. Diese wurde im August 1830 abgefaßt und von der Regierung in Arnsberg im Februar 1831 genehmigt.

In 35 Abschnitten waren die Pflichten und Rechte der Straßeninteressenten festgelegt. Da hieß es z. B. über die Reinigung: "Jeder Hausbesitzer muß den vor seinem Haus und Grunde gelegenen Theil der Straße bis zur Mitte derselben wöchentlich zweimal, nemiich Mittwochs und Sonnabends, Nachmittags zwischen zwei und drei Uhr, kehren und den Unrath davon wegschaffen laßen..." oder über das Ver­halten der Passanten: "Niemand darf auf den Straßen und öffentlichen Plätzen schneller als in kurzem Trabe reiten oder fahren..." oder: "Pöbelhaftes Gezanke, Lärmen, Singen oder gar Schlägereien auf öffentlichen Straßen und Plätzen, muthwilliges Beunruhigen der Einwohner durch Klopfen, Schellen an den Thüren... haben augenblickliche Verhaftung zur Folge". Auch war das Tabakrauchen aus of­fenen Pfeifen untersagt, und Kirchgänger durften auf den Straßen überhaupt nicht rauchen. Diese Stra­ßenordnung wurde am 16. Januar 1867 durch die Bau-Polizei- und Straßenordnung für die Stadt Hattingen abgelöst.

Um diese Zeit war die Heggerstraße schon ein bedeutender Verkehrsweg der Stadt geworden, vor allem durch die Anlage der Henrichshütte auf Brucher Gelände. Im Jahre 1868 hatte man einen besonderen Gehweg ausgebaut, und in einem Bericht des Jahres 1888 heißt es, daß die Fahrbahn 5 m breit und chaussiert sei. An der linken Seite befinde sich ein 2 m breites Trottoir und an der rechten Seite ein 1 m breites Bankett mit Wassergraben. Die Straßenabwässer leitete man seit 1877 in ein Rohrsystem, das bis in die Wiesen am Eickener Hof führte. Erst in diesem Jahrhundert wurde ein Abwässerkanal für den ganzen Stadtbezirk gebaut.

Bis zum Ende des Jahrhunderts lagen auf der Heggerstraße fast alle erforderlichen Versorgungsleitungen, wie Gas, Wasser, Telegraph und elektrischer Strom wurde 1907 zugeführt. 1914 wurde auch ein Schienenstrang der Straßenbahn Hattingen-Blankenstein verlegt.

Der Ausbau der Heggerstraße zur Hauptgeschäftsstraße in den letzten 50 Jahren unseres Jahrhunderts entsprach durchaus der allgemeinen Entwicklung unserer Stadt zum wesentlichsten Siedlungszentrum an der mittleren Ruhr. Mögen auch die neuen Veränderungen auf dieser alten Straße einen bedeutsamen Abschnitt in ihrer Geschichte bedeuten.