Christian Hartmann: Hattingen-Historisch


Alte Hohlwege im Hattinger Land

Ein besonderes Merkmal der Landschaft an der mittleren Ruhr sind die alten Hohlwege, die dem Besucher unserer heimatlichen Berge recht viel Reize zu bieten vermögen. Doch nicht nur dem Naturfreund vermitteln sie eine Fülle von Schönheiten aus der Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch dem Geschichtskundigen geben sie manchen Fingerzeig für seine Forschungen.

Eigentlich sind es die ältesten Straßen unserer Gegend überhaupt. Ihre Anlage und Entstehung ist aus der Bodenbeschaffenheit unserer Landschaft zu erklären. Weite Flächen der vor vielen Jahrtausenden abgetragenen Ruhrberge sind mit einer dicken Schicht Lößlehm bedeckt, der in gewissen Zeiten unserer langen Erdgeschichte auf den steinigen Untergrund aufgetragen wurde. Dieser satte Lehmboden findet sich oft in einer solchen Mächtigkeit, daß er die nötigen Rohstoffe für eine lohnende Ziegelbrennerei liefert und vielerorts schon in weit zurückliegenden Zeiten recht gewinnbringende Feldbrand- oder Ringofenbetriebe entstehen ließ. Den Niederschlägen und zersetzenden Einflüssen der Witterung vermag er aber nur ganz geringen Widerstand entgegenzusetzen, und so war es ganz natürlich, wenn die im Ruhrtal reichlich niedergehenden Regenwässer auf ihrem Wege zu den Bächen und Flüssen im Tale im Laufe der Jahrhunderte tiefe Rinnen in den Lehmboden eingruben. Stellenweise erreichen diese Einschnitte eine Tiefe bis zu 20 Meter und weisen immer vom Tale her nach der Höhe des Berges oder eines Höhenrückens hin. Der einmal gewaschene Weg blieb dann, auch wenn die weiche Lehmschicht bereits längst fortgespült war. Das ohne Aufenthalt fließende Wasser arbeitete weiter und zersägte und polierte auch den Stein, und so sind dann die merkwürdig glatten, hervorstehenden Steinköpfe entstanden, die allenthalben auf dem Boden solcher Hohlwege zu finden sind.

Die von der Natur vorgezeichneten Einschnitte in die Landschaft dienten schon in der ältesten Zeit, als unsere Heimat besiedelt wurde, den landsuchenden Familien als Wege und zur Orientierung aus dem neu gewonnenen in das bereits bekannte Land. Sie boten nur die einzige Möglichkeit, in den dichten Wald, der in der vorgeschichtlichen Zeit die Höhen der Ruhrberge bedeckte, einzudringen und Siedlungsplätze zu suchen, denn auch während der Sommerdürre floß noch stets helles, klares Queilwasser an ihrem Grunde. Während der übrigen Zeit des Jahres mögen sie dem Verkehr wohl kaum nutzbar ge­wesen sein, denn der regensammelnde Wald gab im Herbst und Frühling gewaltige Wassermassen frei und verwandelte sie dann oft in richtige Bachläufe.

So entstanden im Laufe der Jahrhunderte die Hohlwege, die heute noch in jeder Gemeinde unserer Heimatgebiete als Bauernwege bekannt sind. Kein Baumeister hat sie geplant, kein Straßenmeister hat sie angelegt und erhalten. Von der Landschaft wurden sie geformt, und der Mensch, der ehedem mit der Natur und ihren Kräften fest verbunden war, machte sie sich zunutze und sorgte dafür, daß der einmal vorgezeichnete Weg auch erhalten blieb.

Diese Wege dienten recht vielseitigen Zwecken. Zunächst waren sie in ältester Zeit die einzige Ver­bindung von einem Gehöft zum anderen, von einer Bauerschaft in die andere. Sie ersetzten dem Wanderer Karte und Kompaß, sein Ziel konnte er niemals verfehlen, wenn er ihnen folgte. Hindernisse stellten sich ihm nicht in den Weg, die hatte das Regenwasser im Herbst oder Frühjahr fortgeschwemmt. Ein kühlender Trunk frischen Bergwassers war zudem immer zur Stelle. Diese natürlichen Verkehrsverbindungen dienten aber auch als Treib- und Hudewege, auf denen die Rinder- und Schweineherden in die Markenwälder getrieben wurden. Im Herbst wurden sie zudem noch zum Abtransport des gefällten Bau- und Brandholzes benutzt.

Sie stellen auch die einzige Verkehrsader dar, die den Bauern des Bergwaldes an die Straßen im Flußtale brachten, die ihn in die Mühle oder in späteren Jahrhunderten auf den Markt in die Stadt führten. Und noch heute werden sie als Leichenwege bezeichnet und ihre Benutzung bei Begräbnissen und altüberlieferten Bräuchen strengstens beachtet. Damit ist aber anzunehmen, daß bei der Verwurzelung der Sitten und Bräuche in uraltem Volkstum unsere Vorfahren diese Hohlwege für kultische Zwecke mancher Art benutzen.

Im modernen 20. Jahrhundert verschwinden die alten Hohlwege immer mehr. Die neue Zeit spannt ein sorgfältig ausgedachtes und nach praktischen Erwägungen angelegtes Verkehrsnetz über das Land und rückt die Bedeutung der alten Bauernwege mehr und mehr in den Hintergrund. Ihre Böschungen werden eingeebnet, die Hecken und Gebüsche, die sie zu beiden Seiten begleiten, niedergelegt und ausgerodet, das lustig fließende Wässerlein an ihrem Grunde in häßliche Zementrohre eingeengt oder in eine Steinrinne gelegt. Damit verschwindet leider dann auch meist ein Stück urwüchsige Natur. Wie reich ist doch das Pflanzenleben an ihren Böschungen! Wie vielgestaltig das Tierleben, besonders das der gefiederten Sänger, in ihrem Gesträuch!

Der naturverbundene Landbewohner unserer Ruhrberge aber wird bestrebt sein, der neuen Zeit nicht alles seiner schönen Landschaft zu opfern und wenigstens einige der alten Hohlwege zu erhalten, denn an ihnen haftet nicht nur ein Stück unverfälschter Naturschönheit, sondern auch ein Teil unserer reichen Heimatgeschichte.