Christian Hartmann: Hattingen-Historisch


Mißernten im Hattinger Land (1619)

Wie sehr die Menschen vergangener Zeiten von schlechten Jahren durch Mißernten betroffen wurden, beweisen manche Aufzeichnungen, die Chronisten und auch Bauersleute damals niedergeschrieben haben, um die Nachkommen wissen zu lassen von ihrer Not, und wie sie ihrer Herr geworden sind. Hier mögen einige Bemerkungen dieser Art folgen, die in alten Papieren bäuerlicher Familien in Welper und in Akten des Stadtarchivs in Hattingen zu finden sind.

Gleich zu Beginn der großen Notzeit in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts kam zu den Schrecken des Krieges und Seuchen mancher Art auch noch die Hungersnot im Hattinger Land, die durch eine außerordentlich lange Regenzeit während der Sommermonate hervorgerufen wurde. So vermerkt ein Chronist aus dem Jahre 1619: "Es ist in der Erndte zeitt ein langweiliger Regen gewesen, also dafor der rogge lang gekienen, welcher lagh, und als die leutte nicht meien dorffen, ist er ufm halm stehend lang ausgewachsen. Gleich woll hat solcher rogge, der ins gemein so langh außgelauffen gewesen, sehr gutt brodt gegeben, gleich als er nit gekient gewesen." Man kann es verstehen, wie sehr gerade die Bevölkerung des Hattinger Landes von einer Mißernte dieser Art betroffen wurde, wenn man bedenkt, daß Hattingen in jenen Jahren der Mittelpunkt für eine ganz beträchtliche Kornausfuhr von den Höfen der umliegenden Bauerschaften war.

Nicht nur Regenzeiten, sondern auch starke Fröste konnten den Mißwachs der Feldfrüchte verursachen. Teure Zeiten waren dann die ganz natürliche Folgeerscheinungen. Vom Jahre 1626 liest man: "Gegen Pfingsten ist eine große theurung plötzlich eingefallen, wegen eines frostes, dadurch das Korn erfroren, also daß von 3 Reichstaler das Malter ( 1 Malter = 4 Scheffel, 1 Scheffel = ca. 40 Kilo ) roggens aufgeschlagen über die 6 Reichsthaler und ist noch kein korn dafür zu bekommen gewesen. Wie woll der vorrath alles Korns vedan, der rogge erfroren, die gerste nit gerathen, also daß jedermann vermeint, im folgenden Jar wörde eine große theurung kommen..." Im folgenden berichtet dann der Schreiber, wie im nächsten Jahre alles in Hülle und Fülle gewachsen sei, gleich als ob die Natur hätte nachholen wollen, was sie im Vorjahr versäumt hatte.

Sehr oft wurde auch die Ernte des Jahres zum großen Teil ein Opfer der Schädlinge mancher Art, deren Bekämpfung wegen der unzureichenden Mittel nicht möglich war. Und gerade diese waren meist die Urheber teurer Zeiten, wenn durch eine begünstigende Witterung ihre Zahl ins Ungeheure stieg. Dann wußte sich der Mensch nicht Rat und konnte nur verzweifelnd die Hände ringen über die Plagegeister, die der Himmel schickte und gegen die sich seine Ohnmacht erneut zeigte. In den bäuerlichen Auf­zeichnungen tauchen immer wieder Bemerkungen über umfangreichen " Körnerfraß durch Unzeug" auf. In manchen Jahren wurde die Plage so schlimm, daß die Bauern unserer Heimat den Anbau von Getrei­de verminderten und der Bewirtschaftung des Waldes durch Hude und Holzung ihr ganzes Interesse zu­wandten, wie es ihre Vorfahren in ältesten Zeiten auch getan hatten. Als der große Preußenkönig Friedrich II. mit scharfem Weitblick die Unzulänglichkeit der altgermanischen Verfassung für eine genügende Lebensgrundlage der erhöhten Bevölkerungszahl seiner Zeit erkannte und ihre Befestigung durch Aufteilung der Markenwälder anstrebte, da machten die Bauern in der Hattinger Gegend in zahl­reichen Eingaben immer wieder geltend, wie sehr die Ernte unter den Schädlingen zu leiden habe, und daß ein vermehrter Anbau die Ausfälle nur vergrößern würde.

Wenn auch das Sprichwort "Ein trockener Sommer hat noch nie einen Bauern vom Hofe gebrach:, wohl aber ein nasser" stets seine Geltung behalten hat, so verursachten ausgedehnte Dürrezeiten doch auch ihre besondere Not. So schreibt ein Bauer am 24. Juni 1822 in seine Familienchronik: "Heute haben wir den ersten Roggen gemäht. Da haben wir einen sehr trockenen Sommer gehabt. Auch Sommerfrucht gab es sehr wenig und die Leute haben sehr großen Mangel über das Wasser gehabt. Alle Stätter und Dörfer mußten fast alle von der Ruhr fahren und schieben lassen. Die Quellen waren alle trocken und güste (gaben kein Wasser mehr)".

Wir Menschen des 20. Jahrhunderts kennen keine Notzeiten der Art, von denen die Chronisten früherer Jahrhunderte berichten. Dessen wollen wir froh sein und in dankbarer Würdigung die Segensfülle aus Feld und Garten, die uns der Sommer beschied, in der rechten Weise verteilen und nutzen.