Christian Hartmann: Hattingen-Historisch


Neue Stadt mit altem Wappen - St. Georg

Die kommunale Neuordnung in unserem Heimatgebiet, die am 1. Januar 1970 in Kraft getreten ist, hat auch hinsichtlich der Wappenführung einzelner Verwaltungsgebiete Änderungen gebracht. Für die neue Stadt Hattingen blieb, wie berichtet, auch nach ihrer beträchtlichen Gebietserweiterung das alte Wappen bestehen, während die bisherigen Wappen der Stadt Blankenstein und des Amtes Hattingen künftig nur noch historischen Wert besitzen. Alle diese Zeichen weisen Einflüsse führerer Jahrhunderte nach und sind darum aufs Engste mit der Heimatgeschichte verbunden. Während Wappen heute in der Hauptsache symbolhaft für einzelne Städte und Verwaltungsgebiete geführt werden, entsprachen sie ehemals einer praktischen Notwendigkeit.

Sie sind in ihrer Entstehung mit den bäuerlichen Hof- und den städtischen Hausmarken verbunden, die wir heute im Raum der Stadt Hattingen noch hier und da an Bauernmöbeln und Torbalken eingeschnitzt finden. Sie dienten den Zweck, das Eigentumsrecht an beweglicher und unbeweglicher Habe zu kenn­zeichnen und fanden ihren Niederschlag in Siegeln und Petschaften, die bei der Beurkundung von Rechtsvorgängen verwandt wanden.

Wappen wurden ursprünglich von Adelsgeschlechtern geführt. Ihre Geschichte kann bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgt werden, ritterbürtige Herren zeigten ihr Wappen im Schilde ihres Gewaffens bei Turnieren und im Kampf als Erkennungszeichen. Darum bildet in der Folgezeit der Schildgrund mit dem Merkmal den wesentlichsten Teil eines jeden Wappens. Anfangs waren diese recht einfach dargestellt und sollten meist Herkunft oder Charaktereigenschaften des Schildträgers ausdrücken. Man benutzte als Wappen­zeichen Tiere, Pflanzen oder Gebrauchsgegenstände. Im Laufe der Zeit wurden die Schilde kunstvoll ausgeschmückt, besonders die vornehmer Dynastengeschlechter. Man brachte über dem Schild eine Heim­zier mit Helmdecken und Sinnbildern an, die kunstvoll mit Akanthusblättern verschlungen wurden. Auch der Schild wurde je nach Vielgestaltung des Herrschaftsbereichs seines Trägers in Felder mit verschiedenen Wappenbildern aufgeteilt. Überhaupt waren der kunstvollen Ausgestaltung der Wappen besonders bedeuten­der Fürstengeschlechter in Form und Farbe kaum Grenzen gesetzt.

Auch geistliche Herren als Träger weltlicher Macht und Vorsteher von Klöstern und Stiften führten Wappen, jedoch stets ohne Helmzier und ornamentales Beiwerk. Letzthin wählten auch kirchliche Bruderschaften und Gilden gern das Bildnis ihres Schutzpatrons als Wappenzeichen, setzten es in einen Schild und zeigten es an Bauwerken und Gebrauchsgegenständen.

Aus der Zeit der Hattinger Frühgeschichte lassen sich noch alle Wappen nachweisen, deren Träger einmal eine bedeutende Rolle spielten bei der Verwaltung des Raumes an der mittleren Ruhr. Abgesehen von dem der Grafen von der Mark und ihrer Drosten und Richter ist da zuerst das Wappen der Herren von Hatnege zu nennen, die als Schultheißen die niedere Gerichtsbarkeit ausübten. Ihr Hofplatz lag wahrscheinlich ehemals in dem Raume, der heute durch Augusta-, Viktoria-, Roon- und Bismarckstraße gekennzeichnet wird (Hattg. heimatk. Schriften, Nr. 13 S, 31), Sie gaben schon im 14, Jahrhundert ihre alten Rechte im Hattinger Raum auf, und ihr Geschlecht verschwand aus der Reihe der Wappenträger unserer Heimat. Ihr Wappen ist in einem Nachsatz der Urkunde Nr. 5 (H. h. Sehr. Nr. 2) vom 24, Juni 1359 mit folgenden Worten beschrieben: ....... .das wapen befindet sich der grundt gelb und mit einem durchgehenden balchen oben demselben 2 undt unten 1 (jüngerer Zusatz: grauer) vogel, die ftiße derselben gruen. " Es blieb, allerdings ohne Helmzier, Helmdecken und aufsitzendem Hund, im Wappen des Amtes Hattingen bis in unsere Tage sinnvoll erhalten. Die Herren von Bruch zeigten im Schilde einen laufenden Hund und ihre Nachfolger, die Gerichtsherren von Heyden, im silbernen Schilde drei blaue Balken. Das Wappen der Gerichtsherren von Syberg weist im Schilde das Fünfspeichenrad auf.

Auch Wappenbilder von Kirchenpatronen waren um diese Zeit im Hattinger Land allgemein bekannt, vor allem in den Bruderschaften, die sich an der Kirchspielkirche bei den, den Patronen geweihten Altären bildeten. An der Hattinger Kirche waren die Bruderschaften von St. Georg und St. Sebastian die bedeutend­sten. Ihre Mitglieder setzten sich nach dem Vorbild ihrer verehrten Heiligen für die Bekämpfung alles Bösen, vor allem aber für den Schutz ihres Gemeinwesens im Waffendienst und durch tätige Hilfe bei Krankheit und Not ein. Das Bildnis dieser beiden Märtyrer war im ganzen Kirchspiel bekannt, und Priester und Laien sorgten dafür, daß ihre Lebensgeschichte Allgemeingut des Volkes wurde.

St. Georg stammte nach kirchlicher Überlieferung aus Kappadozien, einem Gebirgsland im östlichen Kleinasien. Er starb 303 n. Chr. unter dem römischen Kaiser Diokletian den Märtyrertod. Nach einer Legende aus dem 12. Jahrhunderte tötete er einen Lindwurm, der eine Königstochter zu verschlingen drohte. Als Drachentöter wurde er in der christlichen Kirche zu einem der 14 Nothelfer, insbesondere für Krieger, Waffenschmiede und Bauern. Der jugendliche Sebastian wurde ebenfalls in der diokletianischen Zeit hingerichtet, und zwar nach der Legende durch Bogenschützen. Er wurde darum vor allen von den Bogenschützen als Patron verehrt. Die Marter des an einem Baum oder eine Säule gebundenen, von Pfeilen durchbohrten und nur mit einem Lendenschurz bekleideten jugendlichen Märtyrers wurde seit dem 15. Jahrhundert oft dargestellt.

Mit der nach der Stadtwerdung des Kirchdorfes Hatneggen erfolgten offiziellen Gründung der schon vor her bestehenden Bruderschaft als Schützenbruderschaft St. Georg und St. Sebastian am 24. Mai 1403 (H. H. Sehr. Nr. 2, S. 22) wurde die Popularität dieser beiden Schutzpatrone im ganzen Kirchspiel vollends gefestigt. Hinfort spielte die Schützenbruderschaft der Stadt Hatneggen für das ganze umliegende Land eine bedeutende Rolle, und beim Vogelschuß am alljährlichen Schützenfest beteiligten sich Adelige, Bürger der Stadt und Bauern des platten Landes.

Die Popularität der beiden Märtyrer St. Georg und St. Sebastian führte auch dazu, das ihr Bildnis für die beiden Orte Hattingen und Blankenstein zu Symbolen der Bürgergemeinschaft wurde. In den Siegeln fand das seine Bestätigung. Im sogenannten Festungsvertrag vom 2. Juli 1396, der allgemein als Beurkundung der Stadtwerdung Hattingens gilt (Heimatkundl. Sehr. Nr. 2, S, 10), heißt es bei der Siegelankündigung: "... und wy, bürg er meistere und raidt vorgemelt, ergein uns, so wanner wy alsdan darmede diesen brieff sollen besiegelen." Nach nicht urkundlich verbürgter Überlieferung genehmigte der Landesherr dem Rat der Stadt die Führung eines Siegels mit dem Bildnis des St. Georg, In das Siegel der Freiheit Blankenstein wurde die Marter St. Sebastians mit dem Abzug einer Armbrust aufgenommen. Nur dieser Abzug aus der alten Form wurde in das Blankensteiner Wappen eingefügt, das bis in die Gegenwart erhalten blieb.

Von dem ersten Hattinger Siegel liegen keine Abbildungen vor. Das erste noch erhaltene Stück stammt aus dem Jahre 1479 und zeigt den Drachentöter in einem runden Schild, in primitiver Form gestochen und mit der Umschrift Sigillum opidi Hatnegge 1479 und ist angekündigt in einer Urkunde vom 12. März 1485 für die beiden Bürgermeister der Stadt, Johan Huser und Evert Kremer. Das Original dieser Urkunde befindet sich im historischen Archiv der Stadt Köln.

Im Laufe der Jahrhunderte hat das Siegel der Stadt Hattingen manche Veränderung erfahren. Man gab dem Schild verschiedene Formen, fügte ihm auch einen Zinnenkranz in abgewandelter Ausdrucksweise bei und schmückte ihn auch beiderseits mit Akanthusblättern. Auch die Art des Siegelbildes änderte sich in der Richtung des springenden Pferdes und des sich windenden Drachens und in der Handhabung der Lanze durch den Reiter. Anläßlich der Feier zur 500jährigen Stadtgeschichte im Jahre 1896 setzte man über den Drachentöter den Spruch "In Treue fest" und das Datum " 16. Juni 1396". An diesem Tage wurde den Bewohnern des Kirchdorfes Hatneggen von dem Grafen Dietrich von der Mark die niedere Gerichtsbarkeit sowie Maße und Gewichte für den Markt verliehen. Das Siegelbild St. Georg wurde auch von privater Seite mit Geneh­migung der Behörde häufig verwandt. Die Hattinger Zeitung, der Ruhr-Anzeiger, führte es viele Jahrzehnte am Kopf ihres Titelblattes,

Obwohl Bürgerschaft und Magistrat der Stadt am Ende des vergangenen Jahrhunderts sich mehrfach um die Genehmigung, das alte Hattinger Siegelbild als Stadtwappen führen zu dürfen, eifrig bemühten, wurde diese erst im Jahre 1911 erteilt. Seitdem prangte auf dem Fahnentuch der Stadt in den überlieferten Farben blaugelb das Bild des Drachentöters als Wappen der Stadt; Auf blauem Schild, in silberner Rüstung und mit goldener Gloriole der Kirchenpatron St, Georg, wie er, auf weißem, sich aufbäumenden, rot aufgezäumten Pferde sitzend, mit der Lanze beidhändig einen grünen Lindwurm ersticht.

Mit der kommunalen Neugliederung am 1. Januar 1970 wurde auch die Frage der künftigen Wappenführung für die erweiterte Stadt Hattingen akut. Der Rat entschied sich für die Beibehaltung des alten Wappens der Ruhrstadt. Die Genehmigung zur Führung dieses Wappens wurde seitens des Herrn Regierungspräsidenten in Arnsberg am 10. Juli d. J, erteilt.

Möge künftig das Bild des wagemutigen Ritters jedem Bürger der Stadt Hattingen nicht nur als Zeichen der Zugehörigkeit zu einem neuzeitlichen Verwaltungsraum gelten, dessen Vergangenheit sich so reichhaltig gestaltete und dessen Gegenwart so lebendig ist, sondern auch jeden erinnern und mahnen, nie müde zu werden im Einsatz für das Gemeinwohl unserer Stadt zum Besten aller.