Christian Hartmann: Hattingen-Historisch


Hof Schewenkamp

Der bäuerliche Charakter unserer Landgemeinden an der mittleren Ruhr wird durch das Vordringen der Industrie und der damit verbundenen Errichtung neuer Siedlungen immer mehr verändert. Die heute ca. 6000 Einwohner zählende Gemeinde Welper war ehemals eine Bauernsiedlung mit nur wenigen Hofstellen, deren Besitzer als sogenannte Markenerben mit genau festgelegten Rechten an dem gemeinsamen Besitz beteiligt waren. Im Schatzbuch von Mark aus dem Jahre 1486, einem Hebebuch über eine allgemeine Landsteuer für den Grafen von der Mark, sind nur diese wenigen Hofplätze aufgeführt, die auch in den folgenden Jahrhunderten noch in den Akten der Bauerschaft Welper verzeichnet sind und sich bis heute erhalten haben. Nur wenige neue Siedlerstellen kamen in der Folgezeit dazu. Zu diesen gehört auch der Hof "Am Schewenkamp" in Welper.

In den ersten urkundlichen Erwähnungen wird der Besitzer dieses Hofes als "alter Markenkötter" genannt. Es ist wohl anzunehmen, daß sein Anwesen wegen der Lage zum Herrenhause Bruch mit ausdrücklicher Genehmigung des Freiherrn von Heyden in der Blütezeit des Adelsgeschlechtes, im 17. Jahrhundert entstanden ist. Dafür spricht auch die Abhängigkeit von dem Herrensitz im Tale. Eine Aufzeichnung aus dem Jahre 1720 besagt, daß der "Schewenkamp" als Pacht jahrlich 13 Taler an den Freiherrn zahlen mußte. Daneben waren noch verschiedene Naturalien abzuliefern.

Der Name "Am Schewenkamp" weist auf eine Landschaftsbezeichnung hin. In ältesten Urkunden liest man als Flurbezeichnung für einen Teil des westlichen Welper Berges auch "Schewendaill", also schiefe Delle oder Senke, was soviel wie Abhang bedeuten würde.

Die Besitzer des Hofes haben im Laufe der Zeit vielfach ihre Familiennamen gewechselt, wenn kein männlicher Erbe die neue Generation fortführen konnte. Immer aber nahm der zugezogene männliche Nachfahre den Hofesnamen an. Nacheinander tauchen so neben der Bezeichnung "Am Schewenkamp" die Familiennamen Kellhagen, Plarsiep, Brockhaus (auch Wüllner) und Pleßmann auf.

Da die Hofstelle auf Markengrund der Bauerschaft Welper angelegt worden war, hatten die Bauern am Schewenkamp naturgemäß nicht nur eine außerordentliche Belastung gegenüber dem Herrenhause im Bruch zu tragen, sondern sie waren auch den alten Markenerben von Welper zu besonderen Leistungen verpflichtet. In einer alten Schulakte aus dem Jahre 1762 finden wir bei dem Verzeichnis der Einnah­men zur Bestreitung des Gehaltes für den Lehrer der Schule in Welper den "Schewenkamp" mit einer Sondergabe von 15 Stüber jährlich belastet. Daneben hatte er auch die üblichen Naturallasten für die Schule zu tragen, die für ihn mit 1/2 Thiele Roggen und der "ordinären Fleisch- und Eierlieferung" angegeben sind. Später wurden diese Leistungen in Geld umgerechnet und abgeführt.

Im Jahre 1830 zahlte der Hof z. B. für die Schule insgesamt für diese umgewandelten Abgaben 17 Stüber und 3 Pfennig. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurden dann diese Lasten wie bei allen anderen Höfen der Bauerschaft durch eine einmalige Abgabe getilgt.

Der Landbesitz des Hofes "Am Schewenkamp" ist zeitweilig recht umfangreich gewesen. Haus- und Hof­platz umfaßten den ganzen ausgedehnten Hang unter dem sogenannten "Breickel", auf dem sich seit Übernahme der Henrichshütte durch die Firma Henschel im Jahre 1905 die Siedlung Haidchen erhebt. Der schon gepflegte Obsthof reichte fast bis an den Westausläufer des Welper Berges, wo nun schon seit Jahrzehnten inmitten schattiger Parkanlagen das Kasino der Henrichshütte steht. Hier begann ehemals der ausgedehnte Eichenwald, der sich über die Höhen von Welper bis nach Blankenstein hinzog und den Reichtum der Welper Bauernschaft ausmachte. Auch die ertragreiche Wiese in der "Brucher Delle" am Bachlauf unterhalb des Hofes gehörte zum "Schewenkamp". Der größte Landbesitz aber lag zu beiden Seiten der heutigen Welperstraße im Gebiet der Stadt Hattingen. Er wurde schon vor langer Zeit für Siedlungen abgetreten.

Das prächtige Wohnhaus, allezeit ein Schmuckstück der heimischen Landschaft mit seinen weiß getünchten Wänden und dem in leuchtenden Farben gestrichenen Holz des Balkenwerks und der Fenster, ist der Typ eines echten westfälischen Bauernhauses mit dem großen Deelentor in der Giebelwand. In ihm leben nach Art unserer Altvorderen Mensch und Haustiere gemeinsam unter einem Dache. Das jetzige Gebäude wurde nach einem großen Brand im Jahre 1870, dem das frühere Wohnhaus zum Opfer fiel, auf dem alten Hofplatz errichtet. Neben dem Hofe rauscht noch heute wie in früherer Zeit das ganze Jahr hindurch die muntere Quelle, die auch in den dürrsten Sommern niemals versiegte, sondern stets den Hof mit gutem Wasser versorgte.

In den letzten Jahrzehnten hat der "Schewenkamp" immer mehr von seinem Landbesitz einbüßen müssen. Eine neue Zeit fordert Raum für Siedlungen, Industrie- und Verkehrsanlagen. So ist denn heute nur noch der Haus- und Hofplatz mit wenig Acker- und Wiesenbreiten übrig geblieben. Möge aber das schöne Bauernhaus noch recht lange erhalten bleiben als sichtbares Wahrzeichen einer versinkenden Zeit, da das Land an der mittleren Ruhr noch vorwiegend Bauernland war.