Christian Hartmann: Hattingen-Historisch


Die Geschichte des Welper Berges

In der Nähe der Friedenseiche ist auf der Höhe des Welper Berges in den letzten Monaten ein weitläufig angelegtes Wohnlager der Ruhrstahl A. G. entstanden. Eine ganze Anzahl schön ausgestatteter Wohnbaracken bietet vielen schaffensfrohen Werkmännern die in unserer Heimat Arbeit und Brot fan­den, eine angenehme Unterkunft. Schmucke Anlagen geben der neuartigen Siedlung ein besonderes Gepräge und fügen sie harmonisch in die Eigenartigkeit unserer Ruhrsiedlung ein. Damit ist der Wel­per Berg mit einem Male mitten in das pulsierende Leben der Gegenwart hineingerückt, und die lange Kette der Geschehnisse, die im Laufe der Jahrhunderte mit seinem Namen verbunden sind, wurde um ein weiteres Glied bereichert. Weit zurück reicht seine Geschichte bis in die nebelhafte Ferne früh- und vorgeschichtlicher Zeit. Hier sei nur einiges angeführt:

Nach überlieferten Qellen saßen um die Zeit, als die Römer zum erstenmal mit germanischen Völkerschaften an Rhein und Ruhr in Berührung kamen, in unserer Heimat die Chatiuarier, ein Stamm der großen Völkerfamilie der Sugambrer. Obwohl die fremden Eroberer mit den brutalsten Mitteln die Unterwerfung der zu diesem Völkerverband gehörigen Stämme versuchten und ganze Familien sogar bis in ferne Gebiete jenseits des Rheins verpflanzten, gelang ihnen die vollkommene Knechtung niemals. Noch um das Jahr 300 werden an der mittleren Ruhr die freien Bauern des Stammes Chattuarier genannt.

Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß die ursprüngliche Besiedlung der Ruhrberge durch langsame Besitzergreifung vom Flußtale her erfolgte. Die große Ruhraue, die nun den weiten Werksanlagen der Henrichshütte Raum bietet, mag in grauer Vorzeit den ersten bäuerlichen Siedlern Möglichkeit zur An­lage ihrer Höfe gegeben haben. Erst nach und nach wagten sich kühne Männer weiter in den undurch­dringlichen Wald hinein, der damals die weiten Höhen der Ruhrberge bedeckte. Man folgte dabei na­turgemäß den Wasserläufen und legte neue Höfe immer nur da an, wo frisches Quellwasser vorhanden war. So entstanden die alten Hofstellen in der Senke der Deipenbecke unweit der Haidchenschule und am jetzigen Schulknapp. Der Welper Berg zwischen diesen beiden Tälern aber blieb unberührt und bot mit seinen Eichenwaldungen die eigentliche Lebensgrundlage unserer Altvorderen. Bis dann die fort­schrittlichen Regierungsmethoden der preußischen Landesherrn, die zu Anfang des 17. Jahrhunderts in den Besitz der Grafschaft Mark gekommen waren, mit der althergebrachten Form der germanischen Allmendverfassung Schluß machten und die Aufteilung der sogenannten Markenwälder anordneten. Für den Welper Berg trat diese Neuordnung bereits unter der Regierung des Großen Kurfürsten im Jahre 1641 in Kraft. Von dieser Zeit an verschwand der Wald auf dem Berge immermehr, und an seiner Stelle entstanden durch rührige Bauernhände fruchtbare Äcker, die künftig durch reiche Erträge den Fleiß ihrer Besitzer lohnten und einen gewissen Wohlstand verbürgten. Kümmerliche Reste des alten Eichenwaldes sind erst vor einigen Jahrzehnten als letzte Zeugen einer überlebten Entwicklung am Schulknapp der Axt zum Opfer gefallen.

Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts setzte dann eine neue Phase in der Geschichte des Welper Berges ein, als mit der aufkommenden Industrie die Bodenschätze unserer Heimat dem Wohle der All­gemeinheit nutzbar gemacht wurden. Durch die Entdeckung der Eisensteinlager in den Ruhrbergen war eine ganz neue Entwicklungsmöglichkeit gegeben, und so ging man in den sechziger Jahren an die Aus­beutung der reichen Erzvorkommen in der Tiefe des Welper Berges. Zunächst wurde der Stollen Müsen IV vom Ruhrtal unweit Köckmanns Hof her in den Berg hineingetrieben. Um aber auch die unter der Talsohle liegenden Erze gewinnen zu können, ging man daran, auf der Höhe an der Stelle des heutigen Wohnlagers einen Schacht abzuteufen. Umfangreiche Anlagen entstanden bereits mit Kesselhaus, Förderanlagen und anderen Gebäuden, als die rasch fortschreitende Entwicklung die Verwertung der heimi­schen Erze nicht mehr lohnend erscheinen ließ und die groß geplante Zechenanlage zum Erliegen brachte.

Die wenigen Überbleibsel jener industriellen Anfänge wurden vollkommen weggeräumt, als im Jahre 1912 eine modern ausgebaute Verkehrsstraße vom Lohfelde her den Berg hinaufgeführt wurde und die in jenen Jahren entstandene Gartenstadtsiedlung Hüttenau an die Verkehrswege im Ruhrtal anschloß. Kolonnen fremdländischer Arbeiter kamen und schlugen auf dem alten Zechengelände ihre Wohn- und Geräteschuppen auf. Umfangreiche Erdarbeiten waren nötig, und nach monatelanger Arbeit zog sich dann das breite Band der Bismarckstraße den Berg hinauf mitten durch Äcker und Gärten und verschwand auf der Höhe in Richtung Hüttenau und Blankenstein. Sogar die Schienen für die geplante Straßenbahnverbindung, Hattingen-Blankenstein wurden gleich mit eingebaut, wenn diese auch erst kurz vor Aus­bruch des Weltkrieges im Jahre 1914 dem Verkehr übergeben werden konnte.

Die neue Straße wurde auch in den folgenden Jahren dazu benutzt, die gewaltigen Materialmassen, die zur Errichtung weiterer Bauabschnitte der Gartenstadt herangeführt werden mußten, von dem Bahn­anschluß der Henrichshütte mit einer eigens dazu angelegten Schmalspurbahn den Berg hinaufzuschaffen.

Heute nun hat wieder ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Welper Berges eingesetzt. Seine ausge­dehnten Flächen sollen künftig nur dem Zwecke der Siedlung dienen und damit einer nicht weniger wichtigen Aufgabe dienstbar sein als denen, durch die seine lange Geschichte in den zurückliegenden Jahrhunderten bestimmt wurde.