Christian Hartmann: Hattingen-Historisch


Gilden und Zünfte im alten Hattingen

Die großen gewerblichen Berufsorganisationen des Mittelalters, die Gilden und Zünfte, sind auch in Alt-Hattingen 400 Jahre wirksam gewesen. Sie haben in dieser Zeit nicht nur das berufliche Leben eindeutig gestaltet, sondern sind auch an dem Ablauf des politischen und kulturellen Geschehens in der Stadt maßgeblich beteiligt gewesen. Zwar weist die Altstadt Hattingen kein stolzes Gildehaus jener Zeit auf, aber die Niederschriften in den wenigen Gildebüchern, die uns erhalten geblieben sind, geben ein klares Bild von dem Wirken dieser wichtigen Berufsorganisationen des Mittelalters. In Hattingen hat es insgesamt fünf Gilden oder Zünfte gegeben. Die ersten drei wurden schon im Jahre 1412 gegründet und umfaßten die Krämer und Bäcker, die Fleischhauer, Loher und Schuhmacher und die Schmiede und Schröter (Schreiner). Im Jahre 1606 wurde eine Tuchmacherzunft gegründet und im Jahre 1767 die Zunft der Feintuchmacher.

Alle übten als notwendige Vereinigung der Gewerbetreibenden Zwangs- und Bannrechte aus und be­saßen sogar die Befugnis, empfindliche Strafen über ihre Mitglieder zu verhängen. Oberstes Ziel ihrer Tätigkeit war die Herstellung und der Vertrieb einwandfreier Qualitätsware. Von diesem Grundsatz ließen sie auch in den schlechtesten wirtschaftlichen Zeiten nicht ab. In der praktischen Gestaltung ihres Wirkens lehnten sie sich stark an die bestehende Verwaltungsform der Stadt an. Bürgermeister und Ratsherren waren selbst Mitglieder einer Gilde. Wer aufgenommen werden wollte, hatte den Nach­weis zu erbringen, daß er innerhalb der Stadtmauer mit eigenem Grund und Boden als Familienvater ansässig war. Dazu mußte er, sofern es sich um eine handwerklich ausgerichtete Gilde handelte, eine Probe seines Könnens ablegen, die genauestens von vier der ältesten Gildegenossen überprüft wurde. War seine Aufnahme beschlossen, so mußte er eine Aufnahmegebühr zahlen, die je nach den wirtschaftlichen Verhältnissen der Zeit recht betächtlich sein konnte. Außerdem war eine Naturalabgabe in Form von Wachs und Bier zu entrichten. Wurde ein Mitglied ausgeschlossen, so folgte automatisch auch der Entzug des Bürgerrechtes seitens des Rates der Stadt, d. h. der Ausgestoßene mußte auch den Bannbezirk der Stadt verlassen.

Die Verwaltung der Gilden entsprach ganz der Bedeutung dieser wichtigen Einrichtungen. Zwei Gil­demeister, die von den Mitgliedern gewählt wurden, leiteten die Geschäfte. Einer von beiden hatte die Kasse zu führen. Das war gewiß eine wichtige Aufgabe, waren doch häufig innerhalb eines Rech­nungsjahres mehrere hundert Reichstaler zu verbuchen. Ein Beistand von erfahrenen Berufskameraden unterstützte die Meister bei ihren vielseitigen Aufgaben. Sie hatten die Zufuhr der Rohstoffe und die gerechte Verteilung zu überwachen, die Arbeitsweise zu kontrollieren, Fertigwaren und Preise zu prü­fen und den Vertrieb der Ware zu regeln. Eine freiheitliche Gestaltung seines Gewerbes nach seinen persönlichen Fähigkeiten war dem einzelnen Gewerbetreibenden nicht möglich. Alle wichtigen Fragen des beruflichen Lebens wurden auf den Gildetagen besprochen und durch Beschluß geregelt. An diesem Tage ruhte alle Arbeit. Ein feierlicher Gottesdienst am Morgen leitete zu der wichtigen Versammlung, die in den ersten Jahrhunderten der Stadtgeschichte in der Kirche stattfand, über. Der Nachmittag und Abend waren dem geselligen Beisammensein vorbehalten, bei dem natürlich niemand fehlen durfte.

Die Gilden griffen nicht nur in das berufliche Leben ihrer Mitglieder ein, sondern ihre Artikel bezogen sich auch in weitgehendem Maße auf das Privatleben. Sie ahndeten mit strengen Strafen vor al­lem Verstöße gegen die herkömmlichen Sitten und Gebräuche und die allgemeine Moral, die das gesellschaftliche Leben beeinflussen konnten.

Die praktische Ausgestaltung des wichtigen Marktrechtes für die Stadt lag ganz in der Hand der Gildemeister. Sie stellten die Marktordner, die für Beginn und Ende des Markttages verantwortlich waren und den vom Landesherrn gewährten Marktfrieden zu wahren hatten. Wie umfangreich das Betätigungsfeld in dieser Hinsicht war, wird verständlich, wenn wir unter den auf dem Hattinger Markt gehandelten Waren neben den täglichen Gebrauchsgütern auch Pech, Tran, Salz, Eisen, Zinn, Kohle u. a. m. verzeichnet finden.

Bei ihren weit gesteckten Zielen übten die Gilden auch starken Einfluß auf das politische und kulturelle Geschehen in der Stadt aus, zumal vor allem die Kaufleute auf ihren Reisen draußen in der Welt reiche Erfahrungen sammelten, die sie daheim in jeder Beziehung anwenden konnten. Neben den beiden Bürgermeistern und den Ratsherren stellten die Gilden auch 10 Vertreter der "Zwölfer" aus der Bürgerschaft.

So gewannen sie maßgeblichen Einfluß auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens. Sie planten die Aus­gestaltung der öffentlichen Gebäude und stifteten oft bedeutende Summen für Bauten in der Stadt. Vor allen Dingen kümmerten sie sich auch um die Abstellung sozialer Mißstände. Häufig liest man in den Protokollen der Gildetage von umfangreichen Unterstützungen für notleidende Mitbürger und auch für Fremde, die an die Stadttore klopften. Jahrhunderte hindurch wurde der schöne Brauch geübt, am Weihnachtsabend süßes Gebäck an die Armen der Stadt in der Kirche zu verteilen. Die Gilden waren eine Berufsorganisation, die nicht nur die Belange ihrer Mitglieder hinsichtlich des Broterwerbs zu regeln hatte, sondern sie war aus der städtischen Gemeinschaft heraus entstanden und wirkte auch in dieser als die starke Kraftquelle für das gesamte Leben. Darum sind uns auch keine erheblichen Vermögenswerte dieser Einrichtungen bekannt. Sie besaßen lediglich ihre Gildezeichen und Bücher, die als kostbares Erbe ihrer Vorfahren in einer eisenbeschlagenen Truhe verschlossen waren. Diese sind bei der Auflösung der Gilden im vergangenen Jahrhundert teilweise in fremde Hände geraten. Erhalten sind nur noch die beiden Gildebücher der Krämer und Bäcker und der Fleischhauer und Loher.

Erhalten geblieben ist auch eine wichtige Urkunde aus dem Jahre 1714, das sogenannte Hattneggensche Catastrum, in dem wir neben anderen wichtigen Angaben die Namen der damals ansässigen Gewerbetreibenden verzeichnet finden. Um diese Zeit wohnten in Hattingen 355 Familien mit 1251 Personen. Davon waren 101 Familien mit 106 Gesellen in der Tuchmacherei und in verwandten Berufen tätig. Man zählte 57 Tuchmacher, 9 Tuchscherer, 4 Tuchwalker, 7 Strumpfwirker, 2 Strumpfweber, 14 Leineweber und 8 Schneider. Die übrigen handwerklichen Berufe waren folgendermaßen verteilt: 6 Schmiede, 12 Messerschmiede, 1 Klingenschmied, 4 Kupferschmiede, 23 Schuster, 3 Schuhflicker, 1 Sattler, 5 Drechsler und Tischler, 2 Böttcher und Faßbinder, 3 Glasmacher, 2 Barbiere, 3 Fleischer, 11 Bäcker, 13 Brauer, 4 Weinzapfer und 40 Krämer.

Vier Jahrhunderte lang haben die Gilden das Wohl und Wehe der Bevölkerung in Alt-Hattingen eindeutig bestimmt. Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts machten sich starke Einflüsse von staat­licher Seite bemerkbar, mit denen eine Kontrolle über das gewerbliche Leben in den Städten angestrebt wurde. Die Steinschen Reformen brachten dann die völlige Auflösung der alten Ordnung, die dem neuen Geist einer freiheitlichen Gestaltung des persönlichen Wirkens der Menschen nicht mehr gerecht werden konnte. Die Gilden hatten ihre Aufgabe erfüllt, und die preußische Regierung ordnete ihre Auslösung und die Verteilung ihres Vermögens an. Als in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Akten über das Auflösungsverfahren geschlossen wurden, war damit ein wichtiger Abschnitt in der Geschichte des Hattinger Handwerks zu Ende gegangen, der wohl wert ist, auch im Zeitalter modernster Technik gebührend gewürdigt zu werden.