Christian Hartmann: Die Isenburg


Die Geschichte vom 3timpigen Hut

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In dem dunklen Verlies des Blankensteiner Schlosses schmachtete lange Zeit ein vornehmer Ritter, der ein Bischof gewesen sein soll. Märkische Reisige hatten ihn eines Tages dem Drosten zu Blankenstein in Verwahrsam gegeben. Als er von seinen Wunden genesen war, legte ihn der Droste zu lebenslänglicher Haft in den finsteren Messerturm. Hier brachte er seine Tage in Einsamkeit zu; kein Fremder durfte ihn besuchen oder mit ihm sprechen. Nur des Drosten Töchterlein nahm sich seiner an. Sie ging heimlich zu dem Verlies und reichte dem Gefangenen durch die schmale Fensteröffnung ein Stücklein Braten oder einen anderen Leckerbissen in die enge Zelle. Als der Droste selbst wieder einmal arg von der Gicht geplagt wurde, pflegte sie ihn. Sie schmeichelte ihrem Vater die Erlaubnis ab, das Los des Gefangenen zu erleichtern. So durfte er in dem wohlverwahrten Burghof auf und ab wandeln.

Aber nicht lange, da starb der gestrenge Droste. Damit wurde jedoch das Los des Gefangenen nicht leichter. Des Drosten Töchterlein ging in das Jungfrauenkloster nach Elsey. Ein neuer Burgherr, der noch gestrenger war als der andere, hielt seinen Einzug. Der arme Gefangene, der bis dahin sein Dasein eben gefristet hatte, siechte zusehend dahin. Eines Morgens lag sein Leichnam auf dem kalten Boden. Man begrub ihn in einer Ecke des nahen Friedhofes; nicht einmal das Totenglöcklein läutete. Noch heute weiß niemand, wer der vornehme Gefangene eigentlich gewesen und welche Schuld er auf sich geladen. Das Volk aber meint, daß er wohl eine harte Strafe verdient habe; denn noch immer ist ihm keine Ruhe beschieden. Am Abhänge des Burgberges in Blankenstein soll er sich in den mondhellen Nächten zuweilen den neugierigen Menschen zeigen. Seine spukhafte Gestalt schwebt lautlos vorüber, niemand hat Beine an ihr gesehen - nur den Hut mit den drei Timpen und einen weiten, wallenden Umhang, der jedem verrät, daß der Gefangene ein vornehmer Mann gewesen sein muß.