Christian Hartmann: Die Isenburg


Die Zerstörung der Isenburg

zurück | weiter
An den Hängen des Isenbergs schwellen schon die Knospen an Baum und Strauch im linden Vorfrühlingswind, und in den Gründen rieseln die Wasser des schmelzenden Schnees talab. Aber in die lieblichen Laute des erwachenden Lebens mischen sich seit Tagen Waffenklirren und Prasseln der Lager­feuer rings um den Berg. Die starke Feste auf der Höhe wird von den Reisigen des Grafen Adolf von Altena und des Kölner Erzbischofs Heinrich von Molenark belagert. Sie wollen Rache üben an dem Grafen Friedrich, durch dessen unheilvolle Pläne Erzbischof Engelbert am 7, November des vergangenen Jahres im Lindgraben bei Gevelsberg zu Tode kam. Auf Begehren vieler Fürsten und Bischöfe ist Graf Friedrich von Isenberg in Acht und Bann getan worden und gilt nun als vogelfrei. Wer wollte da nicht mitmachen, wenn es gilt, den reichen Besitz des Geächteten zu erobern und seine eigene Macht zu vergrößern!

Die Kriegsmänner haben einen festen Ring um den weitläufigen Berg gelegt, und oft schon stürmten sie mit Macht die Steilhänge empor oder versuchten mit List an das Gemäuer der Burg heranzukom­men, aber die Feste ist zu stark, fast uneinnehmbar thront sie auf dem Kamm des Berges, und ihre Besatzung ist tapfer und wachsam. Längst weiß man auch, daß der Burgherr nicht mehr in seiner Burg weilt. Einige Waffenknechte wollen wissen, er sei durch einen geheimen Gang entwichen und halte sich bei seinen Freunden weit draußen im Lande verborgen. Doch was tut's? Die Burg muß fallen und zerstört werden, wenn die Besitzungen des Grafen verteilt werden sollen. Zu mächtig ist der Isenberger geworden und hat Bischöfen und Herzögen getrotzt.

In der Burg droben auf dem Felsen walten die beiden Brüder des Grafen, Wilhelm und Gottfried, ne­ben der Burgherrin, der Gräfin Margareta, und halten strenge Zucht unter Burgmannen und Gesinde, wohl 400 an der Zahl. Sie sind guten Mutes, denn die Belagerer werden das Bollwerk mit seinen starken Mauern über steilem Hang und den festen Türmen nicht einnehmen. Waffen lagern in reichem Maße In den Rüstkammern, und die Brunnen im Hofe spenden reichlich Wasser für Mensch und Tier. Nur die Vorräte, für lange Zeit alle satt zu machen, müssen sorgsam bemessen werden, und das ge­schah rechtzeitig. Die Burgherrin übt darin ein hartes Regiment und teilt allen gleichmäßig zu. Am Morgen eines dunstfreien Februartages, als die aufgehende Sonne die letzten Spuren nächtlichen Dunkels aus den Tiefen der Täler vertreibt, erscheint jenseits der Zugbrücke am Tore der Burg ein Kriegsmann mit weißem Zeichen, Bote der Belagerer, mit einer wichtigen Kunde an die Burgbesatzung. Kein Pfeil zischt vom Zinnenkranz des Torturmes, und tiefe Stille herrscht, als er mit lauter Stimme weithin über den Graben verkündet: "Ludolf von Boenen, Feldhauptmann des Grafen von Altena und unser aller Anführer, läßt euch sagen, daß alles, was in der Burg lebt und webt, Roß und Mann, Weib und Kind, Knecht und Gesind, freien Abzug hat, wenn ihr die Tore öffnet und die Feste übergebt. Keinem wird ein Leid geschehen. Auch Hab und Gut, so viel er mit sich nehmen kann, außer seinem Gewaffen, kann ein jeder haben und tragen und sich hinwenden, wohin immer er gehen will. Niemand wird ihn verfolgen oder vor irgendein Gericht fordern, in welcher Herren Land es auch sei. Tut ihr aber nicht nach dem Willen des Feldhauptmanns, so wird die Burg so lange belagert, bis ihr vom Hunger getrieben urn Gnade bittet. Dann aber wird keine Gnade walten, und strenges Gericht soll gehalten werden auf Leben und Tod. Und nun wählet!" Der Rufer wendet sich ab und kehrt zurück in das Düster des Waldes.

Im Saal der Burg wird bald Rat gehalten. "Laßt uns das Angebot annehmen und die Isenburg an den Feldhauptmann übergeben!" mahnt Margareta, "Wir können uns dann bei unseren Verwandten in Sicherheit bringen und mit ihnen planen, was zu tun ist. So retten wir das Leben unserer getreuen Mannen und unser eigenes Schwager Wilhelm ist anderer Meinung, er rät ab: "Die Belagerer werden bald abziehen müssen, wenn unsere Freunde mit ihren Waffenknechten anrücken. Wir müssen aushaken und den Kindern Friedrichs das Erbe bewahren. "Die Übermacht ist zu groß", entgegnete Gottfried. "Unser starker Vetter Adolf von Altena ist unser ärgster Feind, weil er seine Macht im Lande an der Ruhr verstärken will. Darum nutzt er jetzt die Waffenhilfe der Kölner aus; bald aber werden sie uneinig sein, und wir können nur gewinnen, wenn wir klug sind und mit dem Feldhauptmann verhandeln. Die Burg können wir später schon zurückerobern." Das ist ein weiser Rat, und man beschließt, wegen der Übergabe mit Ludolf von Boenen zu verhandeln. Am nächsten Tage ist der Vertrag geschlossen, und ein langer Zug waffenloser Männer verläßt die Burg und verliert sich auf den Wegen nach Westen. Margareta wird mit ihren Kindern von den Rittern Gottfried und Wilhelm begleitet. Tränen rinnen der Burgherrin über die Wangen, als sie mit geringer Habe ihre stolze Burg verläßt, aber ihr zehnjähriger Sohn Dietrich schmiegt sich an die Mutter und raunt ihr zu: "Nicht weinen, Mutter! Wenn ich groß bin und ein Schwert führen kann, werde ich um unseren Besitz kämpfen. Dann werden wir alles zurückgewinnen, und wenn es mein Leben kosten sollte!"

Kaum hat der letzte Mann die Burg verlassen, da dringen schon die Eroberer ein. Trunken vor Freude stürmen sie in den oberen Hof, wo der mächtige Rundturm alle anderen Bauwerke überragt. Seine Mauer ist mehr als drei Meter dick und aus großen Ruhrsandsteinbrocken gefügt, uneinnehmbar für das stärkste Kriegsheer. Dann eilen die Mannen in das Schloß, das zwischen Ober- und Unterburg erbaut wurde als Wohnsitz für den Burgherrn und seine Familie, Im unteren Burghof liegen die Rüstkammern, Wohnungen der Knechte und des Gesindes und die Ställe für die Streitrosse der Burgmänner. Ganz unten, schon fast am Hang, erkennen sie neben der Kapelle den Begräbnisplatz. Wohl 250 Meter zieht sich die Burganlage über den Kamm des Isenberges hin, umgeben von einer hohen Mauer, die teilweise auf Pfeilern über dem Abgrund ruht. Staunend erkennen die Kriegsmänner das Ausmaß des Gemäuers, solch eine Burg haben sie noch niemals auf ihren Kriegszügen gesehen.

Soll diese Feste länger Trutzburg des Geschlechtes der Isenberger an der Ruhr bleiben? Nie und nimmer! Schon in den nächsten Tagen beginnt Ludolf von Boenen mit der Zerstörung. Handwerker, Kriegsmänner und Bauern helfen beim Rammen der Tore, beim Abtragen des Zinnenkranzes und der Mauerbrüstungen. Nie wieder soll hier ein Burgherr wohnen. An den Steilhängen des Berges rollen die Steinbrocken herab, einige sogar bis in die Ruhr und verschwinden in den schäumenden Fluten. Die herrliche Brug auf Bergeshöhe, die wohl dreißig Jahre lang eine Zierde aller Rittersitze war, liegt verwüstet, als der Feldhauptmann mit seinen Reisigen den Isenberg verläßt.

Noch im gleichen Jahre, im Mai 1226, läßt er nach dem Willen seines Herrn zwei Wegstunden ruhraufwärts auf dem blanken Steine eine neue Feste errichten, um das gewonnene Land an der Ruhr zu schützen. Die Mauerreste auf dem Isenberg aber verfielen mehr und mehr, nur die Ruine kündet noch von glanzvoller Ritterzeit.